Die nächsten Tage
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Lenart
Oft wenn es die Zeit und das Wetter erlaubte, fuhr ich zum Weiher, in der Hoffnung sie wieder zu sehen.
Ich setzte mich auf dem Sattel meines Fahrrads und jeder Weg wurde zu meinem. Und es gab diesen einen Zeitpunkt auf meinem Rad, an dem es mich auf eine ganz besondere Art und Weise verzaubert: Ich fuhr über Felder, durch endlos weite Landstriche und hatte dabei das Gefühl nicht allein zu sein. Die Zeit die ich auf meinem Rad verbrachte war oftmals tröstlich, jenseits von Terminen und Verantwortung.
Ganz besonders in Momenten, in denen ich nicht mehr weiter wusste, packte mich ganz plötzlich die Sehnsucht einfach nur Stille inmitten reinster Natur zu genießen. Ich begegnete Leuten auf den Wegen, fuhr neben ihnen her, oder überholte sie. Der Gedanke war tröstlich, dass mein Rad im Keller stand, mir immer treu war, egal wohin ich wollte. - Und manchmal, da kam es mir vor, als wüsste es, wohin ich fuhr. Dann spürte ich die pure Freiheit, wenn die Kette durch die Schaltung rasselte und der Fahrtwind um die Nase zog.
Das Vergangene, das Dann hat mir seelisch etwas zugesetzt. Eine gescheiterte Beziehung, die mehr Tiefen als Höhen, mehr Enttäuschungen als Freude hatte. Eine lauwarme Liebe die Tag für Tag immer weniger wurde, das Alleinsein, das mir einige Zeit sogar gut tat endete und später dann fühlte die Einsamkeit. Sie zog schmerzhaft durch meinen Körper, durch meine Sinne.
Dieses Jetzt fühlte sich immer wieder neu und unerforscht an. Manchmal, wenn dieser Zustand der Veränderung mir sehr bewusst wurde, fühlte ich mich irgendwie voll mit Energie, voll mit Neugier.
Und seit langer Zeit spürte ich wieder die Mut, die Kraft und die Freude an der Erfüllung aller Herausforderungen des Alltags, die mich erwarteten.
Ich dachte oft an sie. An ihre Augen, an ihr Lächeln, an ihre Art wie sie sich bewegte.
Es gibt Dinge, die lassen sich scheinbar nicht in Worte fassen. Scheinbar unaussprechlich. Scheinbar undenkbar.
Ich hörte viel Musik um mich vom Alltag abzulenken. Doch seit dieser Begegnung am Weiher hörte ich eine andere Musik. Musik, die es schafft, sie in Form ihrer Melodik, ihres Taktes oder in treffenden Lyrics widerzuspiegeln. Sie legt sich auf mein Ohr. Drückt sich mit ihrer Melodik, getrieben von sanften, rhythmischen Bässen durch meine Adern bis hinein ins Herz. Bahnt sich ihren Weg durch alle Sinne. Musik die es schafft diese Gedanken zu lesen, diese zu entknoten, wenngleich sie weder Anfang noch Ende kennt. Diese Musik, die in mir das Bedürfnis erweckt, mit meinen Armen eine Umarmung zu formen, mich heiser schreien und zugleich in ihr schweigend und paralysiert versinken zu wollen.
Ich vermisste sie.
"Wie kann man jemanden vermissen, den man nicht kennt?" dachte ich und lachte über mein Verhalten. "Sie hat dich bestimmt schon längst vergessen, wenn sie dich überhaupt richtig wahrgenommen hat."
Ich drehte die Visitenkarte in meiner Hand. "Morgen werde ich ihr schreiben," sagte ich überzeugend. "Ich muss Briefpapier kaufen." Bis anhin hatte ich an solche Dinge keinen Gedanken verschwendet. Wer schreibt denn heutzutage noch privat Briefe? Man sendet Postkarten aus dem Urlaub, ein paar nette Nachrichen über soziale Medien und das war es schon. "Sie wird dich auslachen und den Brief ungelesen zerfetzen und und in die Papiertonne werfen oder in feine Streifen zerschreddern." Und ich habe ein Bild vor Augen: erstaunt öffnet sie den Brief mit dem Brieföffner, liest ihn kurz überfliegt die Zeilen, zerreißt den Brief und lässt ihn in den Papierkorb landen."
Ich ertappte mich Selbstgespräche zu führen. “Ich verliere mich. Verliere mich in der Zeit. Verliere mich im Leben. Verliere mich im Zweifel. Spüre jedoch, nah an meinem Herzen, wie ich immer wieder versuche zu meinem Ich zu gelangen und verliere mich weiterhin. Verliere mich in Träumen, verliere mich in Lieben, verliere mich in Hoffnungen. Ich verliere mich ständig und halte doch an dem fest, was mich hält. Halte mich ganz fest am Loslassen und falle in den nächsten Augenblick. Falle unwiderruflich in meine Zukunft und höre diese Melodien, während ich mich wieder in diesen verliere, gerade weil ich im “mich verlieren” grenzenlos zu leben scheine, die Musik mir erlaubt mich fallen zu lassen und sie mich im selben Augenblick wieder auffängt.
Ich hatte am 1. Tag im Mai Nachtdienst. Den Tag verbrachte ich zu Hause.
Nach dem Frühstück, das aus Cappuccino mit extra viel Milchschaum und 2 Rosinenbrötchen mit Butter und Himbeermarmelade bestand, setzte ich mich an den Schreibtisch.
Ich hatte himmelblaues Briefpapier und himmelblaue Umschläge gekauft. Ich legte eine neue Tintenpatone in den Füller, überprüfte ob er schreibt und nicht kleckst. Zufrieden mit dem Ergebnis legte ich los.
Wort für Wort reihte ich nebeneinander. Ich legte alle Hoffnung, alle Sehnsucht in die Worte.
Dann druckte ich noch das Bild mit den Seerosenblätter aus und legte es mit in den Umschlag.
"Heute Abend gehst du auf die Reise zu ihr," dachte ich und legte den Umschlag in meine Mappe und auf dem Weg zum Dienst warf ich ihn in den Briefkasten.


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