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Liebe Amalie

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 Liebe Amalie,


schön Dich gesehen zu haben. Es waren die schönsten zehn Ferientage die ich bis anhin erlebt habe.
Ich sah Dich am Fluss. Mir fielen deine Augen auf. Sie sind schokoladenfarben. Und dein sanftes Lächeln. Nur Verliebte oder Liebende haben dieses Lächeln auf dem ganzen Gesicht. So lächeln nur liebende Augen.
“Sie ist es,” dachte ich. Ohne dich jemals gesehen oder gehört zu haben. Ohne dich näher zu kennen.
Du warst allein und hast fotographiert. Ich traute mich nicht dich anzusprechen. Ich stand irgendwann sogar neben dir. Du lächeltest mich kurz an. Ein kurzer schokoladenfarbener Blick konnte ich erhaschen . Eine kleine Ewigkeit ….
Und ein Blitzggedanke. Die Adresse an deinem Rucksackband.

Liebe Amalie, lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich Dir schreiben soll. Bestimmt hast Du mich schon aus deinen Gedanken gestrichen. Ich habe lange Zeit nichts von mir hören lassen, weil ich im Begriff war, dich aus meinen Gedanken zu streichen.
Zu spät, wie Du siehst! Du hast den Weg zu meinem Herzen eingeschlagen, während ich mich von einem heftigen Strudel, während ich im Fluss-Alltag schwamm, mitreißen ließ. Deshalb schicke ich dir diesen Brief und das Seerosenbild, das ich fotographiert habe.
Ja, du bist jetzt in meinen Gedanken auf dem Weg zu mir. Oder doch nicht? Ich warte auf deine Antwort.


Liebe Grüße Lenart



P.S.

Erinnerst Dich daran? Diese winzigen Seerosenblätter am Weiher?

Ich hoffe, dass meinen Seerosengruß Dich an mich erinnert und mein Gruß dein Herz erreicht.

Die nächsten Tage

Posted by Émilia Rennart Labels: , , , , , , ,




Lenart

Oft wenn es die Zeit und das Wetter erlaubte, fuhr ich zum Weiher, in der Hoffnung sie wieder zu sehen.

Ich setzte mich auf dem Sattel meines Fahrrads und jeder Weg wurde zu meinem. Und es gab diesen einen Zeitpunkt auf meinem Rad, an dem es mich auf eine ganz besondere Art und Weise verzaubert: Ich fuhr über Felder, durch endlos weite Landstriche und hatte dabei das Gefühl nicht allein zu sein. Die Zeit die ich auf meinem Rad verbrachte war oftmals tröstlich, jenseits von Terminen und Verantwortung.

Ganz besonders in Momenten, in denen ich nicht mehr weiter wusste, packte mich ganz plötzlich die Sehnsucht einfach nur Stille inmitten reinster Natur zu genießen. Ich begegnete Leuten auf den Wegen,  fuhr neben ihnen her, oder überholte sie.  Der Gedanke war tröstlich, dass mein Rad im Keller stand, mir immer treu war, egal wohin ich wollte. - Und manchmal, da kam es mir vor, als wüsste es, wohin ich fuhr. Dann spürte ich die pure Freiheit, wenn die Kette durch die Schaltung rasselte und der Fahrtwind um die Nase zog.

Das Vergangene, das Dann hat mir seelisch etwas zugesetzt. Eine gescheiterte Beziehung, die mehr Tiefen als Höhen, mehr Enttäuschungen als Freude hatte. Eine lauwarme Liebe die Tag für Tag immer  weniger wurde, das Alleinsein, das mir einige Zeit sogar gut tat endete und später dann fühlte die Einsamkeit. Sie zog schmerzhaft durch meinen Körper, durch meine Sinne. 
Ich traf mich mit Frauen, aber keine berührte weder meine Sinne noch mein Herz. Das Vermissen blieb aus und was man nicht vermisst verliert man nach und nach.

Dieses Jetzt fühlte sich immer wieder neu und unerforscht an. Manchmal, wenn dieser Zustand der Veränderung mir sehr bewusst wurde, fühlte ich mich irgendwie voll mit Energie, voll mit Neugier.

Und seit langer Zeit spürte ich wieder die Mut, die Kraft und die Freude an der Erfüllung aller Herausforderungen des Alltags, die mich erwarteten.

Ich dachte oft an sie. An ihre Augen, an ihr Lächeln, an ihre Art wie sie sich bewegte.

Es gibt Dinge, die lassen sich scheinbar nicht in Worte fassen. Scheinbar unaussprechlich. Scheinbar undenkbar.

Ich hörte viel Musik um mich vom Alltag abzulenken. Doch seit dieser Begegnung am Weiher hörte ich eine andere Musik. Musik, die es schafft, sie in Form ihrer Melodik, ihres Taktes oder in treffenden Lyrics widerzuspiegeln. Sie legt sich auf mein Ohr. Drückt sich mit ihrer Melodik, getrieben von sanften, rhythmischen Bässen durch meine Adern bis hinein ins Herz. Bahnt sich ihren Weg durch alle Sinne. Musik die es schafft diese Gedanken zu lesen, diese zu entknoten, wenngleich sie weder Anfang noch Ende kennt. Diese Musik, die in mir das Bedürfnis erweckt, mit meinen Armen eine Umarmung zu formen, mich heiser schreien und zugleich in ihr schweigend und paralysiert versinken zu wollen.

Ich vermisste sie.

"Wie kann man jemanden vermissen, den man nicht kennt?" dachte ich und lachte über mein Verhalten. "Sie hat dich bestimmt schon längst vergessen, wenn sie dich überhaupt richtig wahrgenommen hat."


Ich drehte die Visitenkarte in meiner Hand. "Morgen werde ich ihr schreiben," sagte ich überzeugend. "Ich muss Briefpapier kaufen." Bis anhin hatte ich an solche Dinge keinen Gedanken verschwendet. Wer schreibt denn heutzutage noch privat Briefe? Man sendet Postkarten aus dem Urlaub, ein paar nette Nachrichen über soziale Medien und das war es schon. "Sie wird dich auslachen und den Brief ungelesen zerfetzen und und in die Papiertonne werfen oder in feine Streifen zerschreddern." Und ich habe ein Bild vor Augen: erstaunt öffnet sie den Brief mit dem Brieföffner, liest ihn kurz überfliegt die Zeilen, zerreißt den Brief und lässt ihn in den Papierkorb landen."

Ich ertappte mich Selbstgespräche zu führen. “Ich verliere mich. Verliere mich in der Zeit. Verliere mich im Leben. Verliere mich im Zweifel. Spüre jedoch, nah an meinem Herzen, wie ich immer wieder versuche zu meinem Ich zu gelangen und verliere mich weiterhin. Verliere mich in Träumen, verliere mich in Lieben, verliere mich in Hoffnungen. Ich verliere mich ständig und halte doch an dem fest, was mich hält. Halte mich ganz fest am Loslassen und falle in den nächsten Augenblick. Falle unwiderruflich in meine Zukunft und höre diese Melodien, während ich mich wieder in diesen verliere, gerade weil ich im “mich verlieren” grenzenlos zu leben scheine, die Musik mir erlaubt mich fallen zu lassen und sie mich im selben Augenblick wieder auffängt.



Ich hatte am 1. Tag im Mai Nachtdienst. Den Tag verbrachte ich zu Hause.

Nach dem Frühstück, das aus Cappuccino mit extra viel Milchschaum und 2 Rosinenbrötchen mit Butter und Himbeermarmelade bestand, setzte ich mich an den Schreibtisch.

Ich hatte himmelblaues Briefpapier und himmelblaue Umschläge gekauft. Ich legte eine neue Tintenpatone in den Füller, überprüfte ob er schreibt und nicht kleckst. Zufrieden mit dem Ergebnis legte ich los.

Wort für Wort reihte ich nebeneinander. Ich legte alle Hoffnung, alle Sehnsucht in die Worte.

Dann druckte ich noch das Bild mit den Seerosenblätter aus und legte es mit in den Umschlag.

"Heute Abend gehst du auf die Reise zu ihr," dachte ich und legte den Umschlag in meine Mappe und auf dem Weg zum Dienst warf ich ihn in den Briefkasten.

 

Die nächste Zeit

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 Amalie


Die nächste Zeit verging wie im Flug. Ich ging zu den Vorlesungen, lernte für Klausuren, traf mich mit Freunden und verbrachte viel Zeit mit Lernen. Wenn das Wetter es zuließ war ich am Fluss. Joggen, radfahren, fotographieren oder einfach nur spazieren.

Ich dachte nicht mehr an ihn. Die erste Zeit hatte ich Träume über Dinge die ich gar nicht nachgedacht habe. Ab und zu kamen seine Blicke und sein Lächeln darin vor. Irgendwann hatte ich keine schlaflosen Nächte mehr. Wozu denn auch? Menschen lächeln sich an. Normales zwischenmenschliches Verhalten.


Am letzten Apriltag des Jahres 2013 war ich mit Freundinnen unterwegs. Ich war etwas aufgeregt und konzentriere mich au mein Aussehen.

Ich trug ein dunkelrotes Kleid unter meinem schwarzen Frühjahrstenchcoat. Es war schlicht geschnitten aber es kleidete mich gut und betonte meine Figur. Ich trug außerdem schwarze Schuhe mit zehn Zentimeter Absatz. Viel zu viel für eine Maifeier, aber ab und zu brauche auch ich diese Zusatzgröße.

Ich freute mich auf die Feier, auf die Freunde. Ich tanzte die halbe nacht durch, schloss mich Unterhaltungen an, flirtete ein wenig,  - wenn man es so nennen darf - wenn man jemanden anlächelt, ein paar nette Worte mit ihnen wechselt. Ich redete viel mit Jan, dem Gastgeber der Schrebergartenlaube, half ihm bisschen beim Aufräumen. Wir erzählten uns von der Uni, er studierte wo anders. Wir lachten viel. Er mochte mich und ich ihn irgendwie auch. Ich unterhielte auch mit meinen beiden Freundinnen und deren Freunde und irgendwann am frühen Morgen des ersten Tages im Mai brachen wir auf. Und ich schaffte es durch den Abend ohne zu stolpern, oder umzuknicken mit den Schuhen.  Ausgetobt und freute mich auf mein Bett.
Ich machte mich bettfertig und schlief sofort ein. Den ersten Maitag verbrachte ich mit der Familie.


Am Nachmittag des 3. Mai als ich von der Uni nach Hause kam, öffnete ich routinemäßig den Briefkasten und zwischen den Briefen entdeckte ich seinen Brief.
Der Absender sagte mir nichts. Ich kannte niemanden der Lenart hieß. Ich eilte ins Haus, ging in mein Lernzimmer, suchte nervös nach dem Brieföffner und neugierig öffnete ich den Brief.
Seinen Brief. Ich betrachtete lange das beiliegende Bild. Ich sah zartgrüne winzige Seerosenblätter. "Ich habe meine Bilder doch gar nicht ausgedruckt," dachte ich.
Ich roch am Briefpapier. "Es riecht irgendwie nach Wasser, so wie es am Fluss riecht. Frisch und erdig." murmelte ich vor mich hin. Selbstgespräche führen nur Verrückte!" fiel mir Omas Spruch ein und musste lächeln. Dann enfaltete seinen Brief las;