Der Kalender zeigte auf den vierzehnten Tag im April des Jahres 2014. Seit drei Wochen blieb seine Antwort aus. Ich dachte die ganze Zeit nach, womit ich ihn verärgert haben könnte. Fühlte er sich von mir zurückgewiesen?
Hat er über mein Gedicht nachgedacht? Meine romantische Ader ist sehr fein. Meine Art Romantik wie ich sie verstehe. Liebe ist doch mehr, oder erwarte ich zu viel? Sind meine Erwartungen viel zu groß? Utopisch?
Ich trat am frühen Morgen des kommenden Tages meine neue Facharzt-Stelle an. Ich hatte mich so gefreut als die Zusage im Briefkasten lag.
Ich konzentrierte mich kaum auf die Vorlesung an der Uni. Die ganze Zeit dachte ich an Lenart. Ich habe ihm vor drei Wochen eine SMS geschrieben, dass ich die neue Stelle antreten werde. Er hatte darauf nicht geantwortet. Ich schieb ihm noch eine weitere. Ich wollte ihn fragen, wieso er nicht mehr schreibt, aber ich habe das Gefühl ich laufe ihm hinter her, im übertragenen Sinne. Wieso sollte ich ihm nachlaufen, wenn er mich schon längst vergessen hat?
Hallo Lenart, ich habe Morgen meinen ersten Arbeitstag im Klinikum .....Ich starte mit dem Frühdienst um 5:35 Uhr und freue mich schon sehr darauf. Lass mal von dir lesen, wie es dir so geht! Gruß Amalie
Keine Antwort .......
Ich fragte mich: "Was war es? Was war das, was an einem Punkt an der Kreuzung abrupt endete?
Und was bleibt? Die Sehnsucht? Die Traurigkeit? Enttäuschung sogar?"
Es liegt vielleicht in der Natur des Seins, dass man manchmal tausend Tode sterben muss, um neu leben und neu lieben zu lernen.
Es ist wieder Zeit, die Herzfenster zu öffnen, im Regal der Erinnerungen Staub zu wischen, Gedanken zu entstauben, Ordnung in die Herzkammern zu bringen, Reste vergangener Liebe(n) wegzufegen, Flecken aus den Herzhäuten zu entfernen, Narben auf der feinen Herzinnenhaut zu pflegen, zerknitterte Träume zu stärken und zu glätten, die Wände des Ichs bunt anstreichen.......Beginn einer neuen Herzzeit.....
Das Leben geht mit der Zeit weiter. Die Gedanken sind bei ihm stehen geblieben. Sie warten auf ihn, wie man auf jemanden wartet der sich verspätet. Irgendwann ist es sinnlos auf jemanden zu warten, der einem schon längst vergessen hat.
"Welche Herzfasern hängen noch an ihm?" dachte ich. Ich ziehe an jeder einzelnen davon, um sie anzureißen. Und jede einzelne schmerzt. Der Schmerz ist so heftig, als würde ich mein Herz aus dem Brustkorb herausreißen wollen.
"Oh Gott, Ich darf jetzt nicht losweinen. Nicht hier in der Aula vor allen Kommilitonen, Professoren und Gästen," dachte ich. Ich senkte meinen tränenverschleierten Blick und starrte auf die leeren Seiten meines Moleskines. "Ich muss mir Notizen machen, denn der heutige Vortrag ist sehr aufschlussreich und relevant für das Examen."
Ich hatte fast jedes Wort mitgeschrieben. Als die Mitstudentin neben mir sich erhob um ihre Sachen zu packen, erhob ich mich ebenso, packte meinen Rucksack und rannte grußlos an allen vorbei.
Meine Gedanke waren weg, das Fühlen überfühlte mein Herz. Ich fuhr so schnell ich konnte nach Hause.
Meine Katze saß wie eine Sphinx vor der Eingangstür und blinzelte mir entgegen.
"Das Teufelchen freut sich auf mich," dachte ich und die angesammelten Tränen suchten ihren Weg über meine Wangen, durchtränkten das weiche schwarze Katzenfell. Teufelchen schmiegte sich in meine Arme und schnurrte als möchte sie mich trösten. Ich fütterte die Katze und duschte ausgiebig und lange, als würde ich alles was mich an ihn erinnert wegwaschen wollen.
Ich leerte den Nachrichtenspeicher. Ich löschte alles was mich an ihn erinnern könnte. Zuletzt löschte ich seine Telefonnummer. "Seine Nummer kenne ich doch auswendig," dachte ich. "Ja nein! Den rufe ich nicht mehr an," sagte ich laut.
Am frühen Nachmittag schwang ich mich heraus aus der Stadt. Hinaus aus diesem Alltag. Mit dem Fahrrad fuhr ich am Flussufer entlang. Und der Weg ggehörte mir ganz allein. Ich war vom Radfahren wie verzaubert. Die Natur breitete ihre Lebendigkeit vor mir aus. Pastellfarben. Eine Sehnsucht die mich traurig und zugleich hoffnungsvoll sinnte. Ich fühlte wie sich eine Träne aus dem Augenwinkel ihren Weg über meine Wange bahnte.
Ich lauschte das Rauschen des Flusses. Flussrauschen klingt wie eine enigmatische Ballade über Leben Liebe, eine Elegie die dem Leben gleicht, wie es ohne Pausen Episoden der Lebendigkeit erzählt. Der Duft dieses Augenblicks atmete ich tief ein. Roch den Prae - Frühling, schmeckte Salz in der Luft. Ich schenkte diesem Fluss meine Träne. Die ersten Wildenten flogen über meinem Kopf hinweg.
Die Sonnenstrahlen des Nachmittags legten sich auf meine Lider und kitzelten sie so stark, dass ich schnell die Augen öffnen musste. Ich blinzelte als die Sonnenstrahlen mit dem Wasser spielten und winzige Kristalle auf die Wasserhaut malten. Durch die Tränen die sich hinter den Lidern ansammelten malten meine Augen die Welt pastellfarben.weich.
Ich warf die Kasette in die reissenden Fluten des Flusses. Immer kleiner werdende Kreise zog sie, bevor eine tosende Welle kam und sie mitriss. Weg waren die Briefe, weg war auch sie - die Liebe.
Irgendwo auf dem Fluss tanzte sie mit den Wellen nach der Melodie des Windes den Tanz der Gezeiten. Ich fühlte mein leeres Herz bis in beide Ohren schlagen. Das Gewicht eines leeren Herzens misst man in Traurigkeit oder in Sehnsucht?
Eben lag noch der ganze Inhalt auf einem weissen Blatt sicht- und greifbar in meinen Händen und nun, von einem Augenblick auf den anderen lag er in einer kirschholzfarbenen Holzkasette, die sich von Ebbe und Flut auf dem Wasserpostweg zum Epfänger “Unbekannt” treiben ließ.
Ein langer Abschiedsbrief. Ein langer schmerzhafter Abschied. Amelie stand regungslos am Strand und schaute gedankenversunken auf den Fluss.
Unzählige Male flüsterte ich seinen Namen. "Lenart!" Die Flut zog sich diskret zurück. Möwen kreischten unruhig umher. Still lag der Fluss in seinen Grenzen. Der Horizont schien greifbar nahe. Sehnsucht nach greifbarer Nähe umhüllte meine Sinne. Gefangen in einem Netz aus Liebe und Begehren, unfähig sich zu bewegen, stand ich wie angewurzelt da. Der Abend kam, legte einen abedrotfarbenen Schleier über den Fluss.
Ruhig lag er in seinem Bett als wäre nichts gewesen. Irgendwo auf dem Weg zum “Unbekannt” schwamm der Inhalt ihres Herzens - meine Liebe. Seine ebenso?
Der Horizont eine vage Grenze, eine Täuschung für das menschliche Auge. So nahe, fast greifbar, aber streckt man die Hand aus um nach ihm zu greifen, ist er tatsächlich eine Ewigkeit entfernt.
Als ich mich entfernte, zeichneten sich meine Füße in den Sand. Ein Band zwischen mir und dem Inhalt ihres Herzens - der Liebe.
Und auf einmal sah ich ihn. Noch war ich mir unsicher.
"Er hatte mich schon die ganze Zeit heimlich beobachtet." dachte ich.
Er kam mit schnellen Schritten und mit einem fröhlichen Lächeln auf mich zu und reichte mir seine Hand. Sie war warm und weich, schmal, aber doch sehr männlich. Er hielt meine Hand lange in seiner. Ich fühlte mich etwas unsicher und fühlte wie sich meine Wangen dunkelrot färbten. "Tomatengesicht," dachte sie. Seine Hand berührte ihren Unterarm wie ein sanftes Streicheln. "Das ist mehr als Höflichkeit, " dachte Amalie und mache einen hastigen Schritt zurück. Starr sah sie zu ihm hinüber, glaubte ein Funkeln in seinen Augen zu sehen.
Er lächelte sie an und an den äußeren Winkeln seiner grüngoldbraunen Augen bildeten sich winzige Lachfältchen. Er war viel größer als Amalie. Ihr Kopf reichte knapp bis zu seiner Achselhöhle. Neben ihm fühlte sie sich winzig. Seine rotblonden winzigen zerzausten Locken machten ihn besonders niedlich. Wie ein kleiner Junge, der vergessen hat sich seine Haare zu kämmen.
"Freust du dich? Auf mich? Hast mir die ganze Zeit nicht mehr geschrieben. Keine SMS beantwortet:" dachte ich. "Freue ich mich auf dich? Du hast mich nicht einmal mehr zurückgerufen." fragte ich mich. "Kann ich in deinen Haaren wühlen?" dachte ich und fühlte wie sich meine Wangen dunkelrot färbten.
Ich war angenehm überrascht und schmelzte innerlich dahin. Er war auf seine Art schön.
Ich fühlte wie der Wind ihre Augen trocknet, so dass ich wieder blinzeln musste. Doch ich wollte nicht blinzeln. Denn man weiß, dann wird dieser Augenblick zu Ende sein. Dieser Augenblick wird dann zum Vorhin, dann zum Gestern und irgendwann zum Vergessen.
Doch der kühle Wind kannte kein Erbarmen. Die Sonnenstrahlen verblassen gnadenlos die Farben. Sie musste blinzeln, denn der Schmerz ließ es nicht zu, ihn anzusehen und den Augenblick ins Endlose dehnen zu wollen. Sein Lächeln war immer noch da. Er stand neben mir.
"Deine Briefe und Postkarten habe ich in den Fluss geworfen", stammelte ich. "Du hast dich ja nicht mehr bei mir gemeldet," redete ich hastig weiter.
"Falls du mich noch magst, schreibe ich dir neue Briefe, flüsterte er an meinem Ohr und streifte mit den Lippen mein Ohrläppchen.
Wir verloren unser Zeitgefühl und redeten über meinen Job und über mein Studium und sogar über das Wetter, Unbefangen wie Kinder auf dem Spielplatz ihre Sandförmchen tauschen, so tauschten wir unsere Berührungen, Immer wieder berührten sich unsere Hände, unsere Arme, unsere Schultern. Jeder war für den anderen neu und unerforscht. Diese Zeit wurde uns geschenkt und jedes weitere Wort schien überflüssig, jeder weitere Gedanke wie ein lauter Donnerschlag inmitten dieser Stille.
Es gibt Momente, in denen bringt sogar nur Stille die Augen zum glänzen. Es gibt Momente, in denen scheint nur eine Berührung taktgebend für den Herzschlag zu sein. Es gibt Momente, in denen schließt man die Augen und lasse einfach nur geschehen.
"Wir sind.. was sind wir? Bekannte die sich mal schrieben.....Und was sind wir in diesen Momenten? Ein Mann und eine Frau....sonst nichts." dachte ich.
Es wurde langsam dunkel und nur das Rauschen des Flusses und unser Lachen waren zu hören. Wir wurden zu Melodien die uns treiben ließen, ein bisschen näher ....zu was eigentlich und zu wem? Ich zu ihm? Er zu mir? Wir machten uns auf den Nachhauseweg. Er brachte mich bis zur Haustür. Wir blieben noch eine gefühlte Ewigkeit auf der Hofbank sitzen, lachten und alberten herum.
Ich fühlte auf einmal seinen warmen Atem auf meiner Wange. Seine Haut duftete nach Honig, nach warmer Milch mit Honig. Ich drehte mein Gesicht zu ihm und sah ihn erstaunt an. Er legte seine schmalen Hände auf meine Schultern.
"Darf ich dich küssen?" fragte er sehr leise.
Was hätte ich sagen sollen, müssen, können? Also küsste ich ihn zuerst. Einfach hauchzart sanft. Seine Lippen waren weich und sein Atem roch nach Mintkaugummi. Zärtlich fordernd und schön war der Kuss.
Er lachte laut auf. Ich fuhr erschrocken zusammen.
"Meine Götter, er lacht mich aus. Ich kann nicht küssen" dachte ich und schämte mich für meine spontane Kussattacke.
Dann stand er auf, zog mich an den Händen hoch und zog mich heftig in seine Arme. Seine Fingerkuppen uhren über meine Wangen. Zärtlich, hauchfein und doch fest streichelte er über meinen Nasenrücken, über meine Wangen. Seine Finger strichen mein Haar hinter meine Ohren. Eine Haarsträne wickelte er um seinen Zeigefinger und roch daran. Es fühlte sich an, als würden seine Finger meine Haut verbrennen.
Er küsste mich innig, liebevoll, leidenschaftlich und wild. Ich küsste ihn herausfordernd, wild und frech. Er hielt mich so fest an sich gepresst, so dass ich fast ein Teil seines Körpers wurde. ich fühlte seine Erregung, sein Zittern. Ich zitterte am ganzen Körper und hoffte er würde es nicht merken. Ich hielt den Blick gesenkt, und hätte mich gerne in seiner Achselhöhle versteckt
Er merkte alles. Er fühlte mich, meine Verlegenheit. Sogar meine Gedanken ahnte er.
Sanft drückte er mein Kinn nach oben und sah mir in die Augen. Seine Augen sahen im Hoflicht dunkelgrünbraun aus, wie ein See bei Nacht.
Wir küssten uns lachend. Ich konnte die Hitze fühlen die sein Körper ausstrahlte. Sein Atem war warm, als seine Zunge mit meinen Lippen spielte, bis sie sich ihm öffneten. Er hielt mich immer noch fest an sich gedrückt. Ich schloss die Augen, genoss seine Zunge in meinem Mund, wie sich mich erforschte.
Ich legte meine Arme um seinen Nacken, spielte mit seinem Haaransatz und küsse ihn zurück. Feurig wild spielte meine Zunge mit seiner. Sie erkundete seinen Mund. Ich küsste ihn fordend, leidenschaftlich. An meinem Rippenbogen fühlte ich seine Erektion. Er presste mich an sich und hielt mich eisern fest, so dass ich kaum atmen konnte. Wir zitterten wie Espenlaub und wiegten uns wie Pappeln im Wind.
Dann riss er sich abrupt los.
"Oh! Ich muss los," sagte er, "du weißt Frühdienst kann gnadenlos schlauchen."
Ich küsste ihn auf die Wange. Seine Arme umschossen mich und drückten mich erneut fest an sich.
"Sehen wir uns Morgen nach dem Dienst?" fragte er heiser.
Ich nickte und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ich möchte nichts freches sagen. Er kannte mein freches Mundwerk noch nicht und ich wollte ihn nicht erschrecken.
"Wieso hast du mir die ganze Zeit nicht mehr geschrieben?" frage ich leise. Ich hätte mir lieber auf die Lippen beißen sollen, anstatt ihm diese Frage zu stellen.
Er sah mich sehr ernst an. Seine Augen verdunkelten sich wie ein See bei Unwetter und ich fühlte seine Traurigkeit. "Ich erkläre dir Morgen alles, Amalie" Er umklammerte mich so fest, dass ich kaum atmen konnte. Dann küsste mich so intensiv, langsam und lange. Ich erwiderte seinen Kuss ebenso intensv und lange.
"Amalie,"flüstert er rauh und reißt sich abrupt los. Ich taumele leicht zurück. Er hält mich am linken Unterarm fest
"Jetzt bitte" sagte ich bestimmend.
Er sah mich erstaunt an. "Wir sind Kollegen, Anaëlle. Ich arbeite auch da. Wir sehen uns Morgen früh."
"Scheiße!" schreie ich. "Und deswegen hast du mir nicht mehr geschrieben?" fragte ich verärgert. "Wir haben uns ja nur geschrieben, mehr nicht!" schrie ich wütend. "Der Codex greift da nicht."
"Scheiß egal was der jetzt von mir denken mag, ich bin wütend also schreie ich" dachte ich.
"Du weckst deine Nachbarn, dear one," sagte er beruhigend, aber er wirkte innerlich angespannt.
"Mein Bruder wohnt nebenan," sagte ich patzig. "Der ist das von mir gewohnt."
"Ah," er wich einen Schritt zurück "Sei vernünftig Amalie."
"Nein, ich will es jetzt wissen!" sagte ich mit einem bestimmenden Unterton in der Stimme. "Jeeeetzt Leeeenaaart, jeeetzt!" schrie ich.
"Es ist schon spät und wir müssen schlafen." Er wusste er würde mir so schnell nicht davonkommen. " Ich hatte einen One-night-stand und daraus resultierte eine Tochter. Es blieb auch bei diesem One-night-stand. Ich lebte nicht mit ihr zusammen, aber ich trug Verantwortung für mein Kind. Ich liebe Fionna, sie ist ein Teil von mir und an meinen freien Wochenenden war sie bei mir. Ich wollte ihr ein guter Vater sein und wollte sie aufwachsen sehen. Sie war sechs Monate alt und hatte spina bifida aperta und einen schweren Herzfehler. Sie ist vor neun Tagen verstorben und vorgestern war die Beerdigung."
Medizinisch gesehen, war das Kind schwerstbehindert. Emotional gesehen war sie sein Kind.
Ich wollte ihn umarmen, ihn trösten, ihm sagen, dass es mir nichts ausmacht. Ich konnte es nicht. Ich konnte nicht denken, ich konnte nicht fühlen. Ich war erstarrt. Ich konnte nicht einmal atmen. ich sah ihn nur an. Ich bin nicht gut im Trösten. Wenn ich einfach nur seine Hand halte, fühlst er meinen stummen Trost? Kann ich mein Mitgefühl so mit einer Berührung übertragen. Für Liebe braucht man nicht immer Worte. Gilt das auch für Trost.
Da blieb mir nur noch zu sagen: "Gute Nacht Lenart. Und komm gut nach Hause. Wir sehen uns morgen und vergiss den Codex. Ich bringe dich nicht damit in Verlegenheit," in einen neuen Morgen, in einen neuen Tag hinein.
"Nicht so Amalie! Nicht so!" flüsterte er. "Es war nicht nur Schreiben, oder ein paar Telefonate für mich. Es ist mehr. Ich empfinde viel für dich, nicht nur Freundschaft oder Sympathie. Es ist mehr. Ich will dir alles persönlich erklären. Ich will dir dabei in die Augen sehen und sagen: hier bin ich für dich, so wie ich bin. Lass es werden, Analie, lass es werden bitte!" flehte er und seine Wangen waren tränennass.
Ich umarmte ihn langsam wie man einen Freund umarmt und küsste ihn auf die Wange. Ich schmeckte das Tränensalz, das sich mit dem Duft seiner Haut vermischte. Salzhonigmilch. Ich möchte seine Tränen wegküssen, aber bei dem Gedanken war er denken könnte, zögerte ich.
Dann schmiegte ich mich in seine Arme und küsste seine Tränen weg. Alle die waren und alle die noch kamen. Meine küsste er ebenso weg. Alle. Wir standen eine kleine Ewigkeit so und küssten uns gegenseitig fast weg. Wir waren unsichtbar in einem Kuss. Wir waren ein Kuss. Ein gefühlt endloser Kuss.
Der Himmel färbte sich morgenrotfarben.
"Komm rein, ich mache uns einen starken Espresso," sagte ich.
Wir setzten uns in die Küche und der Espresso rannte bitter und bittersüß durch unsere Kehlen.
Ich blieb noch ein wenig wenig inmitten dieser Schönheit, in dieser Traurigkeit und Sentimentalität und dachte über meine Herzfarben nach. - Schweigen.
Während ich duschte und mich umzog, wartete er im Wohnzimmer auf mich.
Dann fuhren wir gemeinsam mit meinem Auto los.
"Deine Vergangenheit, so tragisch sie auch war und noch ist, sie gehört zu dir. Wenn ich dir bei deiner Trauer helfen soll, sag es." sagte ich nur um die Stille zu durchbrechen. "Waaaaas?" dachte ich. "Was sage ich da? Sehr einfühlsam von mir." schimpfte ich in Gedanken weiter mit mir. Schmerz ist unteilbar. Mit dem Schmerz ist man allein mit sich. Nur Liebe ist teilbar.
Er sah mich mit großen Augen an und schwieg.
Meine zärtlichen, beinahe zufälligen Berührungen drückten mehr aus, als Worte es vermocht hätten. Sie zeigten mein Eingeständnis und Zuneigung meiner anfänglichen Liebe zu ihm. Dessen war er sich jetzt sicher. Ein Schauer lief ihm als Gänsehaut den Rücken hinunter. So wie nebenbei, begann er meine Berührungen zu erwidern und streichelte über meine Hand, so als kleine Botschaft verstanden zu haben.